Der Chef der Europäischen Zentralbank warnt vor der übereilten Einführung digitaler Währungen, die an den Euro gebunden sind

Inhaltsverzeichnis Stablecoins sind von unter 10 Milliarden US-Dollar vor sechs Jahren auf heute über 300 Milliarden US-Dollar gewachsen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach dieses Wachstum am 8. Mai 2026 auf dem lateinamerikanischen Wirtschaftsforum der Banco de España an. Sie forderte die politischen Entscheidungsträger auf, die monetären und technologischen Funktionen von Stablecoins zu trennen, bevor sie handeln. Ihre Äußerungen widersprachen den wachsenden Forderungen an Europa, konkurrierende, auf Euro lautende Alternativen zu entwickeln. Lagarde verwies zunächst auf die Konzentration auf dem Stablecoin-Markt. Fast 90 % davon werden von nur zwei Emittenten kontrolliert: Tether und Circle. Tether hat seinen Sitz in El Salvador, während Circle von den Vereinigten Staaten aus operiert. Nahezu 98 % aller Stablecoins lauten auf US-Dollar, sodass der Euro kaum vertreten ist. Der US-amerikanische GENIUS Act hat die Debatte weiter vorangetrieben, indem er Stablecoins als Instrument zur Dollar-Dominanz darstellt. Befürworter argumentieren, dass Europa ohne eine Euro-Stablecoin-Strategie die digitale Dollarisierung riskiert. Lagarde stellte diese Formulierung jedoch direkt auf dem Forum in Frage. Sie argumentierte, dass in der Debatte nicht klar genug gefragt wurde, wofür Stablecoins eigentlich da sind. Stablecoins seien kein effizienter Weg, die internationale Rolle des Euro zu stärken, sagt Präsidentin Christine @Lagarde. Die beste Lösung bleibt eine tiefere Kapitalmarktintegration durch die Spar- und Investmentunion und eine stärkere sichere Vermögensbasis https://t.co/Xewr8ysz9B pic.twitter.com/vPYIUw1R00 – Europäische Zentralbank (@ecb) 8. Mai 2026 Sie unterschied zwischen zwei separaten Funktionen, die Stablecoins erfüllen. Eine davon ist monetärer Natur und erweitert die Reichweite von Reservewährungen über Grenzen hinweg. Die andere ist technologischer Natur und stellt ein Abwicklungsvermögenswert für Distributed-Ledger-Plattformen bereit. Diese beiden Funktionen, sagte sie, würden in der aktuellen politischen Diskussion miteinander vermischt. Um ihren Standpunkt zu untermauern, zitierte Lagarde den römischen Philosophen Seneca. „Für jemanden, der nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, ist kein Wind günstig“, zitierte sie. Europa muss zunächst seine Ziele festlegen, bevor es seine Instrumente auswählt. Sie warnte, dass die Einführung von Stablecoins ohne diese Klarheit das Risiko birgt, Schwächen zu importieren, anstatt neue Stärken aufzubauen. Auf Euro lautende Stablecoins könnten theoretisch die weltweite Nachfrage nach sicheren Vermögenswerten im Euroraum steigern. Dies würde die Renditen von Staatsanleihen drücken und die Finanzierungsbedingungen kurzfristig erleichtern. Allerdings wies Lagarde auf zwei wesentliche Kompromisse hin, die mit diesem Weg verbunden seien. Beide beziehen sich auf die Finanzstabilität und die Transmission der Geldpolitik. Zur Finanzstabilität verwies sie auf den Zusammenbruch der Silicon Valley Bank im März 2023. Circle gab damals bekannt, dass dort 3,3 Milliarden US-Dollar der USD-Coin-Reserven gehalten wurden. USD Coin fiel kurzzeitig auf 0,877 USD und wurde deutlich unter seiner Ein-Dollar-Marke gehandelt. In großem Umfang können solche Episoden Massenrücknahmen auslösen und die zugrunde liegenden Vermögensmärkte schnell unter Druck setzen. Was die Geldpolitik betrifft, so verengt die Einlagenmigration zu Stablecoins den Kreditkanal über Banken. Wenn Privatkundeneinlagen in Nichtbank-Stablecoins umgewandelt werden, kehren sie nur als Großhandelsfinanzierung zu den Banken zurück. Untersuchungen der EZB ergaben, dass dadurch die Kreditvergabe an Unternehmen verringert und die Weitergabe der Leitzinsen geschwächt wird. Im Euroraum, wo Banken die Kreditvergabe dominieren, ist dieser Effekt besonders ausgeprägt. Angesichts dieser Kompromisse argumentierte Lagarde, dass Stablecoins kein effizienter Weg zur Stärkung der internationalen Rolle des Euro seien. Der bessere Weg seien nach wie vor tiefere und stärker integrierte Kapitalmärkte. Die Spar- und Anlageunion bietet in Kombination mit einer stärkeren sicheren Euro-Vermögensbasis eine dauerhaftere Lösung. Diese strukturellen Prioritäten müssen vor jeder Euro-Stablecoin-Strategie stehen. Trotz ihrer Vorbehalte räumte Lagarde ein, dass die Technologie hinter Stablecoins einen echten Wert habe. Die Distributed-Ledger-Technologie kann die stark fragmentierte Finanzmarktinfrastruktur Europas integrieren. Im Jahr 2023 betrieb die EU 295 Handelsplätze, 14 Clearing-Gegenparteien und 32 Zentralverwahrer. Im Vergleich dazu verfügen die Vereinigten Staaten über zwei Clearingstellen und einen einzigen zentralen Wertpapierverwahrer. Das Eurosystem baut eine öffentliche Infrastruktur auf, um dieser Fragmentierung direkt entgegenzuwirken. Ab September 2026 wird das Pontes-Projekt Distributed-Ledger-Plattformen mit TARGET, dem bestehenden Abwicklungssystem des Eurosystems, verbinden. Dadurch können DLT-basierte Transaktionen vom ersten Tag an in Zentralbankgeld abgewickelt werden. Pilottests im Jahr 2024 umfassten 50 Transaktionen in neun Jurisdiktionen und wickelten rund 1,6 Milliarden Euro ab. Die im März 2026 veröffentlichte Appia-Roadmap zielt auf ein vollständig interoperables europäisches tokenisiertes Finanzökosystem ab. Die Fertigstellung des Rahmenwerks ist für 2028 geplant. Sobald Zentralbankgeld nativ in der Kette verfügbar ist, erhalten Marktteilnehmer eine glaubwürdige, im Euro verankerte Alternative. Dies verringert die Standardabhängigkeit von auf Dollar lautenden privaten Stablecoins auf den europäischen Token-Märkten. Als mögliche Ergänzung tauchten in Lagardes Ausführungen auch tokenisierte Geschäftsbankeinlagen auf. Diese verfügen über die Bonität regulierter Institute