Die US-Regierung strebt einen ausgewogenen Handel mit China an, nicht einen Systemwechsel

Die USA versuchen nicht, Chinas Wirtschaft neu zu gestalten. Es will nur einen faireren Deal.
Das ist die Botschaft des US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer, der am 8. Mai erklärte, das Ziel der Regierung sei ein „ausgewogener Handel“ mit China im Rahmen des aktuellen Zollrahmens. Die Formulierung ist wichtig. Es handelt sich um einen bewussten Rückschritt von der eher kämpferischen Haltung der Forderung nach strukturellen Reformen hin zu Pekings staatlich gesteuertem Wirtschaftsmodell, jener Art von Rhetorik, die die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China fast ein Jahrzehnt lang geprägt hat.
Der Tarif-Realitätscheck
Hier ist das Ding. Die Forderung nach Ausgewogenheit klingt versöhnlich, doch die bestehende Handelsarchitektur ist alles andere als sanft. Die US-Zölle auf chinesische Waren liegen derzeit bei 145 %. Diese Zahl hat insbesondere für die Kryptoindustrie echte Konsequenzen.
Bitcoin-Mining-Betriebe in den USA sind stark auf in China hergestellte Hardware angewiesen. ASICs, die Spezialchips, die Mining-Rigs antreiben, werden überwiegend von chinesischen Firmen hergestellt. Ein Zoll von 145 % auf diese Waren bedeutet, dass die Kosten für die Aufrechterhaltung und Erweiterung der US-amerikanischen Bergbaubetriebe dramatisch in die Höhe geschossen sind. Ende April warfen diese erhöhten Kosten bereits die Frage auf, ob die USA ihre Position als weltweit führende Quelle für Bitcoin-Hashrate behaupten können.
Warum Kryptomärkte Peking beobachten
Greers Kommentare kamen vor Treffen in Peking, und der Zeitpunkt ist kein Zufall. China kündigte am 23. April neue Vorschriften an, die seine Dominanz im verarbeitenden Gewerbe stärken sollen, ein Schritt, der das bereits angespannte Handelsumfeld weiter anheizte. Diese Vorschriften betreffen genau die Lieferketten, von denen die Krypto-Infrastruktur abhängt, von der Halbleiterfertigung bis zur Herstellung elektronischer Komponenten.
Während der Handelseskalationen Ende 2025 wurden auf allen Kryptomärkten gehebelte Positionen im Wert von über 19 Milliarden US-Dollar liquidiert. Expertenanalysen von Anfang Mai deuten darauf hin, dass ein echter Handelsfrieden zwischen den USA und China die Märkte für digitale Vermögenswerte erheblich stabilisieren und das Vertrauen der Anleger wiederherstellen könnte.
Das Gesamtbild für digitale Vermögenswerte
Chinas breitere Bemühungen zur Entdollarisierung bleiben ein Joker. Peking arbeitet kontinuierlich daran, seine Abhängigkeit vom US-Dollar bei internationalen Handelsabwicklungen zu verringern. Die regulatorische Divergenz zwischen den beiden Ländern erhöht die Komplexität zusätzlich. Die USA haben sich auf einen Rahmen zubewegt, der zumindest im Prinzip Krypto-Innovationen berücksichtigt. China hat seine restriktive Haltung gegenüber dem Handel mit digitalen Vermögenswerten beibehalten und gleichzeitig seine digitale Zentralbankwährung weiterentwickelt.
Für Anleger besteht die praktische Erkenntnis darin, dass die Handelspolitik zu einer Variablen erster Ordnung für das Krypto-Portfoliomanagement geworden ist. Ein Zollsatz von 145 % verändert die Bergbauökonomie. Ein diplomatischer Handschlag in Peking kann Hebelpositionen in Milliardenhöhe bewegen. Und der Unterschied zwischen „ausgewogenem Handel“ und „Systemwechsel“ als Verhandlungsposition kann darüber entscheiden, ob das nächste Quartal Stabilität oder eine weitere Liquidationskaskade bringt.